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Braunkohle und Klimaschutz in Brandenburg

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Bert Kaufmann / Foter.com / CC BY

Hinter der Fassade des gesellschaftlichen Konsenses beim Thema Klimaschutz verbergen sich große Konfliktfelder. Das gilt insbesondere für das Land Brandenburg. Die brandenburger Braunkohle ist nicht nur Garant für den Stromexport, sondern insbesondere in der Lausitz auch ein kaum wegzudenkender Wirtschaftsfaktor. Die Landesregierung ist daher sehr an neuen Technologien zur Reduktion des Aussstosses von klimaschädlichem CO2 interessiert. Deshalb forcieren Vattenfall und die Politik derzeit die Methode des „Carbon Dioxide Capture and Storage“ (CCS),. Ein viel versprechender Ansatz, sollte man meinen, für ein Bundesland, dass wirtschaftlich so von der Braunkohle abhängig ist. Und ein technologischer Ausweg , der dringend notwendig wäre, um die landespolitischen Klimaschutzziele zu erreichen. Doch jede Technologie hat ihre Schattenseiten. Und so dauerte es nicht lang, bis sich beim brandenburger Bürger Bedenken breit machten, die zu erbitterten Protesten gegen die Vorhaben der Landesregierung und des Vattenfall – Konzerns führten. Was nun Brandenburg: Quo Vadis Braunkohle?

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Die brandenburger Braunkohle in der Rolle des Wirtschaftsgaranten und Klimakillers zugleich. Um die wirtschaftliche Bedeutung der Braunkohle zu messen, sind folgende Zahlen heranzuziehen: In den letzten 10 Jahren lag der Anteil der Braunkohle am gesamten Primärenergieverbrauch in Brandenburg bei durchschnittlich 55 Prozent. Der Anteil am jährlich erzeugten Strom in Brandenburg liegt bei rund 80 Prozent. Wichtig ist dabei zu erwähnen, dass ein erheblicher Teil des in Brandenburg produzierten Stroms in andere Bundesländer ausgeführt wird. Der Anteil des Stromexports liegt daher bei rund 53 Prozent. Bei der wirtschaftlichen Betrachtung kommt weiterhin der Standortfaktor Lausitz zum tragen. Die Wettbewerbsfähigkeit der Region Lausitz hängt vor allem von der hohen Investitionstätigkeit der hier ansässigen Industrie ab. Bei dem sich bundesweit verschärfenden Standortwettbewerb, ist der Konzern Vattenfall für das Land Brandenburg ein Garant für wirtschaftliche Stabilität. Nach Unternehmensangaben waren 2007 insgesamt 7.430 bei Vattenfall Lausitz beschäftigt. Somit entfallen knapp 3,5% aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Lausitz auf Vattenfall.

Der wirtschaftliche schwache Süden Brandenburgs ist abhängig von der Kohle.
Malik_Braun / Foter.com / CC BY-NC-SA

Der Anteil der Beschäftigten von Vattenfall an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten des Produzierenden Gewerbes beträgt in der Lausitz etwa 10,9%. Somit entfällt mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz in diesem Sektor auf Vattenfall. Auch die wirtschaftlichen Verflechtungen von Vattenfall mit anderen Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Energiewirtschaft, von Zulieferern bis hin zum Recycling, bildet für viele der ansässigen Unternehmen eine wichtige Geschäftsgrundlage. Im Jahr 2007 generierte Vattenfall nach Unternehmensangaben insgesamt 508,7 Mio. Euro an Lieferantenumsätzen bei über 1.400 Zulieferern und Dienstleistern in der Region. Insgesamt bestehen auf Grund der Aktivitäten von Vattenfall in der Region Lausitz 17.000 direkte, indirekte und induzierte Arbeitsplätze.

Die Schattenseiten der Braunkohlewirtschaft lassen sich natürlich auch in Brandenburg nachweisen. Die Betrachtung der Energieträgerstruktur zeigt, dass ab Mitte der neunziger Jahre etwa zwei Drittel der energiebedingten Emissionen im Land Brandenburg aus dem Einsatz von Braunkohle resultieren. Das Problem der Braunkohle sind die hohen Emissionen des klimaschädlichen CO2. Im Durchschnitt fallen fast 88 Prozent des CO2 – Emissionsvolumens auf den Sektor der Energieumwandlung zurück. Dazu gehören die Groß- und Industriekraftwerke, Heizkraftwerke sowie die Erdölraffinerie in Schwedt/Oder.

Betrachtet man die Großkraftwerke und Heizkraftwerke sektoral, so fallen in diesem Bereich zwischen 57 Prozent bis 67 Prozent der energiebedingten CO2 – Gesamtemissionen auf die Stromerzeugung zurück. Die energiebedingten CO2 – Emissionen sind für etwa 50% des Treibhauseffekts verantwortlich. Umso bedenklicher ist, dass in den vergangenen 20 Jahren der weltweite Energieeinsatz jährlich um durchschnittlich 2 Prozent anstieg. Um langfristig die Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz für Braunkohle zu gewährleisten, muss die Effizienz der Verstromung gesteigert und eine Reduzierung von CO2 – Emissionen erreicht werden. Das Land Brandenburg definierte deshalb seine energiepolitischen Ziele in einer Energiestrategie 2020 (verlinken Parlamentsdokumentation), welche neben dem Ausbau von regenerativen Energieträgern, auch Forschungs- und Pilotprojekte im Bereich der CCS – Technologie unterstützt, und damit auch die Entwicklung zum CO2–armen Braunkohlekraftwerken.

Die Energiestrategie 2020 und der Schutz der heimischen Braunkohle

Die Energiewirtschaft Brandenburgs steht vor immensen Problemen, die den angestrebten Wechsel weg von der Braunkohle hin zu regenerativen Energien sehr schwer machen. Der Anteil der Braunkohleverstromung ist hier einer der höchsten in Deutschland, was damit zusammenhängt, dass die angestrebte dauerhafte Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch bisher nicht erreicht wurde. Hauptgrund dafür ist die vor Bundesdurchschnitt abweichende Branchenstruktur mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil energieintensiver Betriebe. Zum anderen hatte der Ausbau der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung nicht zur Substitution von Strom aus Braunkohle oder anderen fossilen Energieträgern geführt.

Das Land Brandenburg entschloss sich deshalb, einen Wegweiser zur Transformation der eigenen Energiewirtschaft zu erstellen, um den nationalen und internationalen Klimaschutzzielen gerecht zu werden. Die Energiestrategie 2010, später weiterentwickelt zur Energiestrategie 2020, wurde konzipiert, und ist der Leitfaden der Regierungsarbeit hin zur Energiewende unter Berücksichtigung wesentlicher wirtschaftspolitischer Faktoren. Bei der Zieldefinition nehmen die Windenergie und die Braunkohle eine zentrale Stelle. Vorrangig werden mit der Energiestrategie 3 Ziele verfolgt:

1. den Anteil der Erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch auf 20% steigern
2. die energiebedingten CO2 – Emissionen im Land bis zum Jahr 2020 um 40% gegenüber dem Jahr 1990 senken
3. den Endenergieverbrauch gegenüber dem heutigen Stand (2008) um 13% senken. 

Die energiebedingten CO2-Emissionen sollen gegenüber dem Stand von 1990 um 40% reduziert werden. Bis zum Jahr 2030 wird sogar eine Senkung von 35% gegenüber dem Jahr 1990 angestrebt. Da die Braunkohle noch auf lange Zeit der wichtigste heimische Primärenergieträger bleiben wird, wird in der Energiestrategie 2020 die Erforschung der CCS – Technologie in all seinen Facetten festgeschrieben. Dazu gehört auch die Errichtung eines Braunkohlekraftwerks auf der Basis der CCS – Technologie am Standort Jänschwalde, und die Erforschung von unterirdischen Speicherungsmöglichkeiten von CO2.

Die CCS-Technologie und ihre Gefahren

Es gibt 3 Verfahren zur Abtrennung von CO2:

• Post Combustion Capture – Verfahren
• Oxyfuel – Verfahren
• Pre – Combustion – Verfahren.

Das Unternehmen Vattenfall hat sich für das „Oxyfuel – Verfahren“ entschieden. Dabei wird der Stickstoff aus der Kohle vor der Verbrennung abgetrennt. Die Kohle wird statt mit Luft anschließend mit reinem Sauerstoff verbrannt. Heraus kommen Wasser, Schwefeldioxid und Kohlendioxid, die sich relativ leicht voneinander trennen lassen. Das entstandene Kohlendioxid wird unter hohem Druck verflüssigt und soll in unterirdischen Gesteinsschichten gelagert werden. Der Sauerstoff für die Verbrennung wird durch energieaufwändiges Zerlegen von Luft hergestellt. Dadurch lässt sich annähernd eine Verdopplung der Stromerzeugungskosten für die Kohlekraftwerke erwarten. Der Wirkungsgrad der Kraftwerke sinkt, der Brennstoffeinsatz steigt. Dies führt zu erhöhten Umweltauswirkungen der Rohstoffförderung und – verbrennung, aber auch zu einem höheren Aufkommen des zu entsorgenden CO2. Über den Lebenszyklus betrachtet werden die Treibhausgasemissionen daher „nur“ um 65% bis 85% reduziert.

Die effiziente Abtrennung und langfristige Speicherung von CO2 wird zurzeit als Option intensiv diskutiert. Die Abtrennung erscheint zwar machbar, allerdings sind noch wesentliche Fragen zur technischen Ausführung, der Erhöhung der Zuverlässigkeit und insbesondere der Effizienz offen. Hier sind gleichermaßen die Nachrüstung bestehender Anlagen, als auch neue Konzepte mit geringerem Wirkungsgradverlust nur unzureichend untersucht. Als Speicherorte für das CO2 bieten sich tiefe geologische Formationen an, die von einer oder mehreren dichten Deckschichten überlagert werden. Die Mindesttiefe beträgt 800 bis 1.000 Meter. Als Speichermedien werden insbesondere geologische Formationen, wie ausgeförderte Gas- und Ölfelder, tiefe Kohleflöze und stillgelegte Salzbergwerke untersucht. Die Bandbreite der Schätzungen globaler Speicherpotenziale liegen zwischen 476Gt und 5.880Gt CO2, vergleichbar dem globalen Gesamtausstoß.

Zu bedenken ist, dass der Druckaufbau im Bereich einer CO2– Injektion, der zu einer Hebung der Gesteinsschichten im Millimeter- bis Zentimeterbereich führen kann. Wegen der vielen Bohrungen in der Erkundungs- und Produktionsphase sind die unterirdischen Kavernen zudem löchrig. Zwar werden die Löcher mit einem Spezialzement verschlossen, aber selbst der kann der Zersetzung durch Kohlensäure nicht standhalten. Wird CO2 in saline Aquifere – Gesteinsschichten gepumpt, verdrängt es das dort enthaltene Salzwasser. Weit vom Speicherort entfernt können Kohlendioxid und Salzwasser entlang von Störungszonen aufsteigen und das Grundwasser verunreinigen. Damit die CCS – Technologie bis 2020 kommerziell verfügbar sein kann, veranschlagt die Europäische Kommission für die weitere Erforschung und zügige Demonstration der Technologie private und öffentliche Investitionen in Höhe von rund 13 Milliarden EUR. Die EU-Kommission hat dem Europäischen Parlament eine Liste ausgewählter CCS-Projekte übermittelt, die für eine Förderung im Rahmen des europäischen Konjunkturprogramms mit rund 1 Milliarde EUR für die zügige Entwicklung und Demonstration der CCS – Technologie in Frage kommen. Zu den ausgewählten Projekten, die im Rahmen des Auswahlverfahrens durch die EU-Kommission als „sehr gut“ bewertet wurden, gehört das Projekt von Vattenfall am brandenburgischen Standort Jänschwalde.

Die CCS Technologie in der öffentlichen Debatte

Die Vorstellung, Millionen von Tonnen an Kohlendioxid im geologischen Untergrund zu lagern, ruft nicht bei allen „Begeisterungsstürme“ hervor. Vielen Beobachtern erscheint CCS als eine Strategie der Energieversorger, zur Rechtfertigung des Baus neuer Kohlekraftwerke. Immerhin befinden sich aktuell 29 Kohlekraftwerke in Planung oder Bau, derzeit noch ohne CCS, und zudem unklar ist, ob oder wann diese Kraftwerke jemals nachgerüstet werden. Für wieder Andere ist CCS gar der Grundstein für eine dauerhafte Nutzung des Energieträgers Kohle, da in diesem Zusammenhang immer wieder die Begriffe „saubere Kohle“ und „CO2 – freie Kraftwerke“ fallen.

Für wieder Andere ist CCS gar der Grundstein für eine dauerhafte Nutzung des Energieträgers Kohle, da in diesem Zusammenhang immer wieder die Begriffe „saubere Kohle“ und „CO2 – freie Kraftwerke“ fallen. Nach bisherigen Abschätzungen können Treibhausgasemissionen durch die CCS – Technik, aber nur um 65% bis 85% reduziert werden. Die Befürworter der erneuerbaren Energien führen in diesem Zusammenhang an, dass mit der Errichtung eines jeden Großkraftwerks, das auf eine Laufzeit von bis zu 40 Jahren ausgelegt ist, der Pfad dieser Technologien verlängert und somit Investitionen in andere, dezentrale Technologien verhindert werden. Ein zweiter Punkt ist hierbei, dass eine auf Großkraftwerke ausgerichtete Energieversorgung deutlich schlechter an veränderte Energienachfragemengen angepasst werden und somit einer radikalen Effizienzentwicklung entgegenstehen kann. So wird den großen Verbundunternehmen vorgeworfen, das durch die CCS-Technologie, der wachsenden Konkurrenz durch die Verwendung regenerativer Energieträger, insbesondere dem Kapazitätswachstum bei Windkraftanlagen entgegen getreten werden soll. Die gesetzliche Abnahmepflicht des „Ökostroms“ bedeutet für die vier Großen Verluste bei der Produzentenrente.

Flankiert werden die Kritiker nun von massiven Protesten gegen die unterirdische Speicherung von CO2. Die Befürchtungen gehen dabei von großen Umweltschäden, über Gefahren des Absackens von Gesteinsschichten, bis hin zum Wertverlust von Immobilien. Für diese und für zukünftige Landesregierungen bedeutet die rasch wachsende Kritikerschar massiven Widerstand bei der Umsetzung der Energiestrategie 2020 und der Transformation der brandenburger Energiewirtschaft.

„Quo Vadis“ brandenburger Braunkohle?

Auf Erfolg oder Misserfolg kann sich, aufgrund dessen, dass die CCS-Technik noch in der Erprobung ist, keiner festlegen. Die Umsetzung des CO2-Reduktionsziele stehen hingegen derzeit noch auf sehr wackligen Beinen. Dieses Ziel ist abhängig von einer technologischen Innovation, dies es bis heute nur im Modellversuch gibt. Bisher können keine verlässlichen Aussagen zu möglichen Erfolgen der CCS-Technik gemacht werden. Insgesamt scheint es derzeit aber, angesichts der technologischen Defizite, als wenig wahrscheinlich, dass unter den gegebenen Voraussetzung, die angestrebten Minderungsziele von CO2-Emissionen erreicht werden, und zeitgleich, der hohe Anteil des Braunkohlestroms auch weiterhin klimapolitisch vertretbar bleibt. Ungewiss ist bis heute auch, in welcher Größenordnung sichere, langzeitdichte Speicherkapazitäten in Brandenburg zur Verfügung stehen. Daher wird das Thema Braunkohle und CCS–Technologie die Gemüter in der Mark noch einige Male. erhitzen.

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Autor Enrico Glaser ist Diplom-Politikwissenschaftler und beschäftigt sich in seiner Promotion mit den Anforderungen an nachhaltige Energiepolitik.

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